March 17, 2020 / 6:54 AM / 20 days ago

Alles nur virtuell - Diplomatie in Zeiten des Coronavirus

German Chancellor Angela Merkel holds a news conference about the coronavirus outbreak disease (COVID-19) and the German government measures to curb it, at the chancellery in Berlin, Germany, March 16, 2020. Markus Schreiber/Pool via REUTERS

Berlin (Reuters) - Ausgerechnet in einer Zeit größten Abstimmungsbedarfs steht die internationale Diplomatie vor ihrer größten Herausforderung: Wegen des Coronavirus werden immer mehr Treffen und Staatsbesuche abgesagt.

Auch Kanzlerin Angela Merkel hat den serbischen Präsidenten und Luxemburgs Ministerpräsident diese Woche in Absprache kurzerhand wieder ausgeladen - und dafür telefonische Beratungen vereinbart. So wichtig die direkte Abstimmung in europäischen Angelegenheiten wäre: “Ein Besuch in Berlin wäre das falsche Signal, wenn die Kanzlerin gleichzeitig dazu aufruft, die sozialen Kontakte auf das Nötigste zu reduzieren”, heißt es in der Bundesregierung. Selbst der UN-Sicherheitsrat denkt nach Angaben des Auswärtigen Amtes darüber nach, ob man sich weiter mit physischer Anwesenheit miteinander beraten solle. Also wird die Diplomatie kurzerhand auf Videoschalten umgelenkt - mit erheblichen Konsequenzen.

Dies stellt alle Akteure vor große Herausforderungen. Gerade die Grenzschließungen und der Verfall der Aktienmärkte erfordern enge globale Absprachen. Die Finanzkrise führte dazu, dass sich auch die G20-Staats- und Regierungschefs regelmäßig trafen. Bereits vergangene Woche fand deshalb ein Sonder-EU-Gipfel statt - erstmals als Videoschalte nach Brüssel. Jetzt folgen sich in großer Eile Schalten etwa auf G7-Ebene. Betroffen sind nicht nur die Staats- und Regierungschefs, sondern auch Außen- und Finanzminister. Infrage stellt dies allerdings nach anfänglichem Zögern niemand mehr.

Spätestens der Besuch von Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro bei US-Präsident Donald Trump zeigte die Gefahren - gerade für betagte Politiker. Immerhin gelten ältere Menschen als Hauptrisikogruppe bei einer Coronavirus-Infektion. Nachdem erst ein Mitglied der brasilianischen Delegation positiv auf Coronavirus getestet worden war, stieg die Zahl schnell auf fünf. Trump selbst, der lange weiter unbeirrt Hände seiner Besucher geschüttelt hatte, gab nach einigen Tagen dem Druck nach und ließ sich selbst testen - mit einem negativen Ergebnis.

“WENIGER UM DEN HEISSEN BREI HERUMGEREDET”

Also wird nun telefoniert. Und das auch mit schwierigen Gesprächspartnern wie Türkeis Präsident Recep Tayyip Erdogan, mit dem am Dienstag Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron per Videoschalte sprechen werden. Ganz wohl ist den beteiligten Beratern dabei nach eigenen Angaben nicht. Denn gerade bei schwierigen Gesprächspartnern gilt unter Diplomaten die persönliche Präsenz und Ansprache als wichtig, um sie zum Umdenken zu bewegen. Allerdings: Ein hochrangiger EU-Diplomat ist mit den bisherigen Gehversuchen gar nicht einmal unzufrieden. “Denn die Gespräche sind wesentlich kürzer, es wird weniger um den heißen Brei herumgeredet”, sagte er.

Eine Erklärung ist für ihn, dass letztlich alle Seiten durch solche Video- oder Telefonschalten etwas gestresst sind. Es sei anstrengender, sich auf dem Bildschirm gegenseitig anzustarren als nebeneinander zu sitzen, vielleicht noch bei einem Essen. Es gebe deshalb das allgemeine Interesse, solche Schalten zeitlich nicht ausufern zu lassen, sagte auch ein anderer Diplomat. Es gebe weniger Monologe geltungsbedürftiger Politiker. Ohnehin ist diese Form der Kommunikation auf Beraterebene schon in der Vergangenheit viel ausgeprägter gewesen als bei den führenden Politikern.

Allerdings verändert diese Form auch das Verhältnis zwischen Politikern und Medien. Denn direkte Treffen werden oft nicht nur mit einem Händeschütteln-Foto für die Nachwelt dokumentiert, sondern auch mit Statements und Fragen für Journalisten. Das fällt bei Videoübertragungen weg. Autoritäre Regierungen mögen dafür sogar dankbar sein - bei demokratischen Regierungen ist dies aber nicht unbedingt der Fall. Sowohl Regierungssprecher Steffen Seibert als auch die Sprecherin des Auswärtigen Amtes, Maria Adebahr, räumen das Problem ein und haben zumindest zugesagt, Abhilfen zu prüfen. So plant Außenminister Heiko Maas am Dienstag eine Videoschalte mit seinen baltischen Kollegen. Das Auswärtiges Amt bastele an einer Lösung, wie dabei dann auch eine Pressekonferenz über eine Schalte möglich sein könnte, sagte Adebahr am Montag.

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