June 3, 2020 / 5:54 AM / a month ago

Wissenschaftler brauchen Corona-Hotspots für Impfstoffstudien

FILE PHOTO: Small bottles labeled with a "Vaccine COVID-19" sticker and a medical syringe are seen in this illustration taken taken April 10, 2020. REUTERS/Dado Ruvic/Illustration/File Photo

London/Chicago (Reuters) - Die erste Welle der Coronavirus-Pandemie scheint abzuklingen. Was alle erleichtert, ist für die Impfstoffentwickler ein Problem.

Denn die Lockdown- und Abstandsregeln in einigen Ländern könnten nach Einschätzung von Wissenschaftlern zu so niedrigen Übertragungsraten führen, dass Tests mit potenziellen Impfstoffen erschwert werden - es gibt schlicht zu wenige Infizierte, die andere anstecken könnten, um die Wirksamkeit der Impfstoffe zu überprüfen. Um zu aussagekräftigen Ergebnissen zu gelangen, müssen sich die Wissenschaftler womöglich auf die neuen Hotspots der Pandemie in Afrika und Lateinamerika konzentrieren. “Je erfolgreicher die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus sind, desto schwieriger wird es ironischerweise, einen Impfstoff zu testen”, sagt der Direktor des zum US-Gesundheitsministerium gehörenden National Institutes of Health (NIH), Francis Collins.

Bislang gibt es noch keinen Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus, mit dem sich weltweit fast 6,3 Millionen Menschen angesteckt haben und das bislang rund 375.000 Todesopfer gefordert hat. Ein wirksamer Impfstoff gilt als Voraussetzung für ein schnelles Ende der Pandemie. Doch große klinische Studien mit Impfstoffen gegen eine völlig neue Krankheit sind sehr kompliziert. Die Wirksamkeit von Mitteln nachzuweisen ist umso schwerer, je weniger sich das Virus ausbreitet. “Damit das funktioniert, müssen die Menschen in einer Gemeinschaft einem Infektionsrisiko ausgesetzt sein. Wenn das Virus vorübergehend verschwindet, ist die Übung zwecklos”, sagt Ayfer Ali, Wissenschaftlerin an der britischen Warwick Business School.

“Die Lösung besteht darin, sich auf Gegenden zu konzentrieren, wo das Virus weit verbreitet ist, derzeit wären das Länder wie Brasilien und Mexiko”, führt sie aus. Bei Impfstoffstudien erhält ein Teil der Teilnehmer den Impfstoff und ein Teil ein Placebo. Die Hoffnung ist, dass die Infektionen in der Kontrollgruppe höher sind und damit gezeigt wird, dass der Impfstoff die andere Gruppe schützt. Für die Wissenschaftler ist es daher eine der Schlüsselaufgaben, Freiwillige für Studien in Regionen zu finden, wo das Virus noch weit verbreitet ist. Das brasilianische Gesundheitsministerium erklärte, es sei in Gesprächen mit verschiedenen Impfstoffentwicklern über die Teilnahme an klinischen Studien. Das Land ist nach den USA das mit den meisten Corona-Infektionen weltweit.

ZEHNTAUSENDE FREIWILLIGE GESUCHT

Bei der Erprobung eines neuen Impfstoffes gegen das Ebola-Virus während des großen Ausbruchs 2014 in Westafrika gab es bereits ähnliche Probleme. Damals waren die großen Medikamentenhersteller gezwungen, ihre Pläne für große Studien deutlich zusammenzustreichen, weil ihre Impfstoffe erst zu einem späten Stadium der Epidemie testbereit waren, als die Fallzahlen bereits zurückgingen. Zu den ersten Covid-19-Impfstoffen, die vor dem Übergang in die zweite Phase der klinischen Entwicklung stehen, gehört der des US-Biotechkonzerns Moderna. Das Unternehmen startete im März die erste Impfstoffstudie mit Freiwilligen in den USA. Ein weiterer Impfstoffkandidat wird von der Universität Oxford mit dem Pharmakonzern AstraZeneca entwickelt.

Die USA planen im Juli umfangreiche Wirksamkeitsstudien mit 20.000 bis 30.000 Freiwilligen pro Impfstoff. Sie wollen sich auf das Ausland konzentrieren, wenn die heimischen Infektionsraten zu weit zurückgehen, wie NIH-Direktor Collins sagt. “In Afrika gibt es nun viele Fälle von Covid-19. Wir möchten vielleicht einen Teil der Studie dort ausführen, wo wir effektiv Daten sammeln können.” Die Universität Oxford will für ihre Studie in Großbritannien 10.000 Menschen zusammenbekommen. Wenn die Übertragungsraten sänken sei es möglich, dass diese Studie gestoppt werden müsse. “Das wäre enttäuschend und derzeit unwahrscheinlich, aber es ist sicherlich eine Möglichkeit”, sagt Adrian Hill, Direktor des Jenner Instituts.

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