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Inlandsnachrichten

Verteilung von Corona-Impfstoff stellt Logistik vor Mammut-Aufgabe

Berlin/Frankfurt (Reuters) - Bundesregierung und Unternehmen bereiten sich fieberhaft auf eine schnelle Verteilung des möglicherweise ersten Impfstoffs gegen das Coronavirus vor.

FILE PHOTO: A woman holds a small bottle labeled with a "Coronavirus COVID-19 Vaccine" sticker and a medical syringe in this illustration taken, October 30, 2020. REUTERS/Dado Ruvic

Bereits am Mittwoch will die Europäische Kommission den Liefervertrag mit dem Mainzer Impfstoffentwickler BioNTech und dessen US-Partner Pfizer über bis zu 300 Millionen Impfdosen festzurren, wie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Dienstag ankündigte. “Das ist der bisher vielversprechendste Impfstoff”, sagte sie in Brüssel. Sobald er verfügbar sei, solle er schnell überall in Europa eingesetzt werden. Die größte Herausforderung bei der Verteilung ist allerdings, dass der Impfstoff bei einer Temperatur von minus 70 Grad Celsius transportiert werden muss und nicht lange im Kühlschrank gelagert werden kann.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sieht eine “hohe Wahrscheinlichkeit”, dass ein Impfstoff im ersten Quartal 2021 zur Verfügung steht. Dies sei “ein Licht am Ende des Tunnels”. US-Gesundheitsminister Alex Azar erwartet sogar, dass die ersten Amerikaner noch dieses Jahr geimpft werden können. Sollten BioNTech und Pfizer wie geplant noch diesen Monat eine Notfallgenehmigung in den USA beantragen, seien erste Impfungen im Dezember möglich. Man werde in Altersheimen und bei Mitarbeitern in Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen beginnen.

BioNTech und Pfizer hatten am Montag positive Ergebnisse in der entscheidenden Studie mit ihrem Corona-Impfstoff verkündet. Demnach bot die Impfung einen mehr als 90-prozentigen Schutz vor Covid-19. Es war der weltweit erste Erfolg bei einer Studie der letzten Phase, die für die Zulassung entscheidend ist und an der tausende Probanden teilnehmen. BioNTech und Pfizer erwarten, noch in diesem Jahr weltweit bis zu 50 Millionen Impfstoffdosen herzustellen, 2021 dann bis zu 1,3 Milliarden Dosen.

IM KÜHLSCHRANK FÜNF TAGE HALTBAR

“Wir werden den Impfstoff bei minus 70 Grad verschiffen, er wird dann in zentralen Sites bei minus 70 gelagert, und wenn er dann zur Anwendung kommt, kann er dann fünf Tage im Kühlschrank gehalten werden oder bei Kühlschranktemperatur transportiert werden”, erläuterte BioNTech-Chef Ugur Sahin im Reuters-Interview. “Mit dieser Logistik werden wir die ersten drei Monate arbeiten und wir sind auch zuversichtlich, dass das in Zusammenarbeit mit den Behörden und den Krankenhäusern sehr gut funktionieren wird.” Es werde weiter daran geforscht, bei welcher Temperatur der Impfstoff wie lange haltbar bleibe. Weitere Erkenntnisse würden im Dezember erwartet. “Und wenn die Daten uns zeigen, dass man den Impfstoff dann länger als fünf Tage, zwei Wochen vielleicht, im Kühlschrank halten kann, erleichtert das das Ganze noch einmal.”

Experten sehen darin die größte Aufgabe für die Logistik: “Die Kühlkette ist einer der herausforderndsten Aspekte bei der Lieferung dieses Impfstoffs”, sagte Amesh Adalja vom Johns Hopkins Center for Health Security. “Das wird eine Herausforderung in allen Belangen, weil Krankenhäuser auch in großen Städten nicht die Lagerungskapazitäten für einen Impfstoff bei diesen ultra-niedrigen Temperaturen haben.”

In Deutschland sollen sich die Bundesländer um die Impfstoff-Verteilung kümmern. Bayern etwa will die vom Bund zugesagten Lieferungen an neun geheim gehaltenen Orten zwischenlagern. Dafür hat das Land nach Angaben des Gesundheitsministeriums eigens Ultratiefkühlschränke bestellt. In den Landkreisen würden dann Impfzentren und mobile Impfteams eingerichtet. Bei der Verteilung des Impfstoffs bat das Bundesgesundheitsministerium auch die Bundeswehr um Hilfe. Dies gelte vor allem für eine gesicherte Zwischenlagerung des Impfstoffs, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Berlin. “Wir befinden uns derzeit im Abstimmungsprozess mit dem Bundesgesundheitsministerium.” Aktuell unterstützen rund 6000 Soldaten die Behörden im Kampf gegen Corona, die meisten sind zur Kontaktverfolgung in den Gesundheitsämtern eingesetzt.

LOGISTIKER STELLEN SICH AUF IMPFSTOFFTRANSPORT EIN

Eine wichtige Rolle als Umschlagplatz für Corona-Impfstoffe weltweit wird auch der Frankfurter Flughafen spielen. Der Betreiber Fraport, die Lufthansa und andere Airlines sowie Abfertiger haben zur Vorbereitung schon im März eine Arbeitsgruppe gegründet, wie eine Fraport-Sprecherin erklärte. Fraport selbst verfügt über 20 Thermotransporter für temperaturempfindliche Pharmaprodukte. Für die Verteilung eines möglichen Impfstoffs sieht sich auch die Deutsche Post gut gerüstet. Der Konzern befinde sich dazu in Gesprächen mit Pharmaunternehmen und Regierungen, sagte Konzernchef Frank Appel. Die Post könne auch Impfstoffe transportieren, die extrem gekühlt werden müssten. “Die Verteilung wird nicht an der Logistik scheitern”, betonte Appel. Die Kontraktlogistik-Sparte des Konzerns betreibt weltweit mehr als 180 auf die Bedürfnisse der Pharmaindustrie zugeschnittene Standorte, in denen empfindliche Medizinprodukte etwa in verschiedenen Temperaturzonen gelagert und verpackt werden können.

Beim Schweizer Logistikkonzern Kühne+Nagel steht in Europa eine Flotte von 200 klimatisierten Anhängern für den Transport von Medikamenten und pharmazeutischen Produkten sowie Kühlkammern zur Verfügung. “Wir konnten bereits erste Verträge im Zusammenhang mit der Covid-19-Impfstoffproduktion abschließen”, erklärte ein Sprecher.

Gesundheitsminister Spahn mahnte trotz der Euphorie wegen der Aussicht auf einen Impfstoff zur Vorsicht. Er hoffe, dass die Menschen die Corona-Regeln weiter einhielten. Nach jüngsten Zahlen des Robert-Koch-Instituts wurden am Dienstag binnen 24 Stunden 15.332 Neuinfektionen in Deutschland registriert.

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