March 5, 2020 / 1:30 PM / 24 days ago

Coronavirus-Epidemie schlägt immer mehr auf Wirtschaft durch

- von Francesca Piscioneri und Kevin Yao und Christian Krämer

Canan Emcan, 31, chief nurse of the infection and virologist ward of the university clinic of Essen puts on protection gear to be worn in case of coronavirus patients during a media event in Essen, Germany, March 5, 2020. REUTERS/Wolfgang Rattay

Rom/Peking/Berlin (Reuters) - Die wirtschaftlichen Folgen der Coronavirus-Epidemie werden immer schwerwiegender.

Italien schwebt deswegen eine zeitweilige Aussetzung der europäischen Schuldenregeln vor, um mehr Mittel mobilisieren zu können. China will vor allem in den stark betroffenen Provinzen die lokalen Regierungen mit mehr Geld unterstützen. Auch Deutschland spürt die Folgen, vor allem die exportabhängige Industrie, der die längste Rezession seit der Wiedervereinigung droht. Mit Flybe rutschte am Donnerstag die erste Fluggesellschaft seit dem Ausbruch des Virus in die Insolvenz. Der internationale Bankenverband IIF erklärte, das weltweite Wachstum könnte 2020 auf bis zu ein Prozent abrutschen - den schwächsten Wert seit der Finanzkrise vor mehr als zehn Jahren. Weitere Großveranstaltungen wurden abgesagt, immer mehr Konzerne schließen Büros und lassen Mitarbeiter vorsorglich von zu Hause arbeiten.

In Europa ist Italien besonders stark von der Epidemie in Mitleidenschaft gezogen. Wirtschaftsstaatssekretärin Laura Castelli sagte der Zeitung “Il Messaggero”, die Regierung in Rom erwäge eine Aufstockung der Mittel im Kampf gegen die Corona-Folgen um 1,4 Milliarden auf fünf Milliarden Euro. Europa müsse mit dem hoch verschuldeten Land eine Vereinbarung treffen. “Unter den erwogenen Optionen ist die zeitweilige Aussetzung des Stabilitätspakts.” Die bisherigen Annahmen zum Wirtschaftswachstum gelten mittlerweile als Makulatur, weil Italien auf eine erneute Rezession zusteuert.

China, wo das Virus zuerst auftrat, hat im Kampf gegen die Folgen bislang mehr als umgerechnet 14,3 Milliarden Euro bereitgestellt. Davon seien rund ein Drittel noch nicht ausgegeben worden, sagte Vize-Finanzminister Xu Hongcai. Damit solle lokalen Regierungen geholfen werden. Auch werde das Ministerium den Finanzierungsbedarf der am schwersten betroffenen Provinz Hubei sicherstellen. In China standen über Wochen ganze Wirtschaftszweige still, was auch am anderen Ende der Welt zu Problemen führt. Um die Konjunktur zu stabilisieren, hat die Regierung in Peking die Steuern gesenkt. Das wirkt sich aber negativ auf die Einnahmen der Provinzen aus, vor allem im Westen des Riesenlandes.

DEUTSCHE INDUSTRIE SCHON SEIT EINEINHALB JAHREN IN REZESSION

Auch in Deutschland werden die Prognosen immer düsterer. Der Industrieverband BDI schreibt das Jahr 2020 wegen der Epidemie ab. “Die Industriekonjunktur dürfte auch im laufenden Jahr in der Rezession verharren und sich zu der längsten seit der Wiedervereinigung ausweiten. Nicht Brexit, nicht Trump, sondern das Coronavirus und seine weltweite Verbreitung haben derzeit den größten negativen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland.” Die Industrie schrumpfte schon vor dem Virus-Ausbruch sechs Quartale in Folge - vor allem wegen der schwächeren Weltkonjunktur, aber auch wegen der Probleme in der Autoindustrie. “Mit den Produktionseinbrüchen in China und den Quarantänemaßnahmen einzelner Länder wird deutlich, wie verletzlich die exportorientierte und international arbeitsteilig organisierte deutsche Wirtschaft ist.”

Die deutschen Maschinenbauer rechnen in Folge der Epidemie mit Einbußen bei den Aufträgen und Einschränkungen bei den Lieferketten. Die Auswirkungen würden sich in den kommenden Monaten deutlich in den Orderzahlen widerspiegeln, sagte der Chefvolkswirt des Branchenverbandes VDMA, Ralph Wiechers. China sei nicht nur der zweitwichtigste Abnehmer deutscher Maschinen. Die Volksrepublik sei auch 2019 Deutschlands wichtigster ausländischer Lieferant von Maschinen, vor allem aber von Komponenten und Teilen gewesen.

Die Grünen-Politikerin Ramona Pop hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier aufgefordert, kurzfristig eine Sonderkonferenz unter Beteiligung der Spitzenverbände der Wirtschaft einzuberufen. Ziel müsse es sein, die Maßnahmen des Bundes mit den Ländern abzustimmen, sagte die Berliner Wirtschaftssenatorin. CDU-Politiker Altmaier sagte der “Wirtschaftswoche”: “Für direkt betroffene Unternehmen stehen Instrumente wie Bürgschaften und Liquiditätshilfen zur Verfügung. Die können, wenn nötig, aufgestockt und flexibilisiert sowie um weitere Maßnahmen ergänzt werden.”

Wegen der Ansteckungsgefahr stehen momentan Reiseanbieter, Hotelbetreiber und Airlines unter Druck. Der ohnehin schon angeschlagene britische Regionalflieger Flybe erklärte, er habe den durch die Epidemie verursachten Einbruch der Nachfrage nicht länger verkraften können. “Alle Flüge bleiben am Boden, und das Geschäft ist mit sofortiger Wirkung eingestellt.”

Verschoben wurde unterdessen die Stuttgarter Bildungsmesse Didacta. Der EU/Indien-Gipfel wurde abgesagt. Er hätte am 13. März in Brüssel stattfinden sollen und soll nun später nachgeholt werden. Facebook schließt in Seattle eine Niederlassung, nachdem dort bei einem freien Mitarbeiter eine Coronavirus-Infektion festgestellt wurde. Zudem wurden Mitarbeiter in allen Büros in Seattle ermutigt, bis Ende März von zu Hause aus zu arbeiten. In der Stadt im Nordwesten der USA gibt es mit mindestens 39 bestätigten Erkrankungen die meisten Corona-Fälle der Vereinigten Staaten.

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