June 8, 2018 / 11:11 AM / 2 months ago

Deutsche Polizisten behalten Hooligans bei WM im Auge

Berlin (Reuters) - Wenn deutsche Hooligans sich auf die Reise zur Fußball-WM nach Russland machen und dort randalieren, könnten sie auf alte Bekannte aus Deutschland treffen.

German police officers pose for an image with their armband reading "Police Germany" at the North Rhine-Westphalian police headquarters in Duisburg, Germany, June 6, 2016. Germany is sending 12 police officers from eight different German federal states who know the local soccer hooligans scene to support French police during the upcoming EURO 2016 soccer championships in France. REUTERS/Wolfgang Rattay Picture Supplied by Action Images

Denn insgesamt werden sich sechs Polizeibeamte in Kürze auf den Weg ins Land des Turniers machen, die die deutsche Szene der Störer sehr gut kennen. Die Bundesländer bemühen sich zudem, bekannte Hooligans durch Gefährderansprachen von der Reise nach Russland abzuhalten. Mit einem großen Strom deutscher Krawallmacher in Richtung Russland rechnen die Behörden aber nicht.

Die “szenekundigen” Beamten werden in den jeweiligen Spielstätten der deutschen Mannschaft an Hotspots wie Bahnhöfen, Kneipenvierteln und dem Umfeld von Stadien die deutschen Fans mit geschultem Blick im Auge behalten. “Das Ziel ist es, die Leute aus der Anonymität zu holen und ihnen zu zeigen, die deutsche Polizei ist auch vor Ort”, erläutert Jan Schabacker von der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) mit Sitz in Duisburg. Allerdings haben die deutschen Beamten in Russland keine operativen Aufgaben und greifen daher nicht selbst ins Geschehen ein. Ihre Aufgabe bestehe vor allem darin, die russischen Sicherheitskräfte zu beraten und sie auf Auffälligkeiten hinzuweisen. Daten zu Personen aus der Sportgewalttäter-Datei seien nicht an russische Behörden weitergeleitet worden.

HOOLIGANS WOLLEN NICHT IN RUSSISCHEN GEFÄNGNISSEN LANDEN

Dass deutsche Krawallmacher vor Ort sein werden, gilt als sicher. Einzelpersonen und Kleingruppen seien letztlich bei allen Spielen der deutschen Nationalmannschaft präsent, sagt Schabacker. Dass mehrere hundert Störer anreisen werden, davon gehen Polizei und Experten aber nicht aus. Denn bei der EM in Frankreich, wo sich russische und englische Hooligans heftige Straßenschlachten in Marseille lieferten, sei die Anreise noch einfach gewesen. Spielorte waren von Deutschland per Zug zu erreichen. Nach Russland aber sei die Anreise komplizierter, zeitaufwendiger und mit einem höheren finanziellen Aufwand verbunden, erläutert Schabacker. So wird etwa ein Visum benötigt. Wer ein Ticket für ein Spiel hat, muss eine sogenannte FAN-ID im Internet beantragen. Dieses Identitätsdokument ermöglicht die visumsfreie Einreise.

Der Fußball- und Osteuropaexperte Thomas Dudek rechnet nicht damit, dass es zu einem “Festival der Gewalt” kommen wird, wie es ein russischer Hooligan vergangenes Jahr in einer BBC-Dokumentation angekündigt hat. Die russischen Behörden hätten viel getan und die Gesetze verschärft. Auch seien Warnungen an die Hooligan-Szene ausgesprochen worden. “Ich glaube auch nicht, dass ein deutscher Hooligan oder ein französischer Hooligan in einem russischen Gefängnis landen möchte”, sagt Dudek. Das Turnier sei für Russland und den Kreml sehr wichtig. “Deswegen sind Hooligans die letzten, von denen man sich die WM kaputtmachen lassen möchte.”

Frankreich hat laut Dudek für Hooligans bei der EM ganz andere Voraussetzungen geboten. “Man kam mit einem Charterflug, andere kamen über Spanien und Deutschland mit Reisebussen, und so schnell wie die gekommen sind, hatten sie auch die Möglichkeit, aus dem Land auszureisen. Diese Möglichkeit haben sie in Russland nicht.” Dort liefen Störer Gefahr, verhaftet zu werden. Auch Schabacker geht davon aus, dass die möglichen strafrechtlichen Konsequenzen in Russland bei deutschen Hooligans durchaus Thema sind.

Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft in Nordrhein-Westfalen, Erich Rettinghaus, ist überzeugt, dass in Russland die Sicherheitskräfte entsprechend hart durchgreifen und anfängliche Ausschreitungen rigoros verhindern werden. Das werde den Hooligans bei Gefährderansprachen auch deutlich mitgeteilt. Insgesamt sind laut ZIS mit Stand 30. Mai bislang 145 bekannte Krawallmacher kontaktiert worden, um ihre Reise nach Russland zu verhindern. In einigen Fällen wurden Ausreisebeschränkungen verhängt.

Abschreckend könnte das enorme Gewaltpotenzial der russischen Hooligans auf deutsche Krawallmacher wirken, vor der auch die deutsche Polizei warnt. “Russische Hooligans gleichen eher Kampfsportgruppen mit hohem Trainingsstandard und äußerst gewalttätigem Vorgehen ohne Rücksicht auf Verletzungen und Folgen”, sagt Rettinghaus. Teilweise würden diese Personengruppen von Vereinen oder auch Politikern unterstützt. Auch die Pyrotechnik, welche in Osteuropa hergestellt werde, sei weitaus stärker und gefährlicher. Dudek verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass die russischen Hooligans sehr gute Kontakte in die rechtsradikale Szene hätten und sich sehr professionell mit Kampfsport-Training und eigenen Turnieren fit hielten.

Ein internes Gefährdungslagebild des Bundeskriminalamts (BKA) warnte schon im Januar vor Gewaltbereitschaft und Rassismus in Teilen der russischen Fanszene. Doch Indizien auf ein gesteigertes Interesse deutscher Fußballstörer, zur WM nach Russland zu reisen, konnten auch die BKA-Experten nicht erkennen - auch deswegen, weil in der Gruppenphase der WM keine Spielpaarungen anstünden, die eine erhöhte Aufmerksamkeit dieser Personengruppe erwarten ließen.

KEINE ERHÖHTE GEFAHR FÜR FANMEILEN DURCH HOOLIGANS

Doch auch wenn das Festival der Gewalt ausbleibt, so sind verabredete “Acker-Kämpfe” weit abseits der Stadien nicht auszuschließen. Die europäischen Polizeien müssten sich darauf einstellen, dass bei Risikospielen Auseinandersetzungen weiter entfernt vom Spielort stattfinden könnten, mahnt der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Oliver Malchow. “Sogenannte Drittort-Auseinandersetzungen könnten sich in den Anrainerstaaten und Durchreiseländern abspielen.” Dies könne etwa der Fall sein, wenn sich Reisewege überschnitten oder sich rivalisierende Gruppen entsprechend verabredeten.

ZIS-Experte Schabacker rechnet aber nicht damit, dass die Tatsache, dass nur wenige Hooligans nach Russland reisen, am Ende zu einer erhöhten Gefahr für Fanmeilen und Public-Viewing-Veranstaltungen führt, sich also die Gewalt hierzulande entlädt. “Hooligans suchen ihresgleichen auf internationaler Bühne”, erläutert er. Gleichwohl gebe es allwöchentlich zu Bundesligaspielen Störer. Diese dürften bei der WM durchaus Public-Viewing-Veranstaltungen besuchen. Große Events dieser Art würden deshalb von der Polizei bewacht.

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