Bundeswehr übergibt erstes Lager in Afghanistan in zivile Hände

Dienstag, 13. Dezember 2011, 12:19 Uhr
 

Feisabad (Reuters) - Die Bundeswehr hat ihr erstes Lager in Afghanistan in zivile Hände übergeben und damit den ersten konkreten Schritt zum Abzug unternommen.

"Die ISAF tritt in eine unterstützende Rolle, und die zivile Seite wird nun die Entwicklungsarbeit in dieser Region weiter federführend fördern", sagte der Befehlshaber des Einsatzführungskommandos, General Rainer Glatz, am Dienstag bei der Zeremonie zur Übergabe des Lagers in Feisabad im Norden Afghanistans. Der gemeinsame Aufbau werde sich zwar fortsetzen, doch dazu werde es auf absehbare Zeit nicht mehr der heutigen Präsenz der ausländischen Truppen in der abgelegenen Hochgebirgsprovinz Badachschan bedürfen.

Die Bundeswehr hat noch 250 Soldaten in Feisabad stationiert, will das Lager aber Ende kommenden Jahres aufgeben. Ausschlaggebend ist die seit langem stabile Sicherheitslage in der Provinz sowie die Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die afghanischen Soldaten und Polizisten: Sie sollen in den kommenden Monaten die Kontrolle über wesentliche Teile Badachschans einschließlich der Hauptstadt Feisabad übernehmen. Experten gehen davon aus, dass der afghanische Präsident Hamid Karsai im Herbst auch die verbliebenen Distrikte der Provinz für übergabereif erklären wird. Die langsame Reduzierung der Militärpräsenz in Feisabad gilt als Modell für den weiteren Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan, auch wenn die Sicherheitslage dort etwa mit der Situation in der Unruheprovinz Kundus nicht zu vergleichen ist. Bis Ende 2014 sollen alle internationalen Kampftruppen Afghanistan verlassen.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle erklärte in Berlin, mit der Übergabe wandle sich das internationale Afghanistan-Engagement, das zunehmend "ein ziviles Gesicht" bekomme. Der Minister warnte vor übertriebenen Erwartungen: "Wir wisse, dass der Weg zum Frieden in Afghanistan lang ist und müssen uns weiter auf große Anstrengungen und auch Rückschläge einstellen", sagte Westerwelle.

GENERAL: DEUTSCHLAND BLEIBT VERLÄSSLICHER PARTNER

Glatz wertete die Übergabe des Lagers in zivile Hände als einen weiteren Schritt auf dem Weg zur vollen afghanischen Souveränität. Gemeinsam hätten afghanische und ausländische Sicherheitskräfte die Lage in Badachschan stabilisiert. "Sie ist heute als beispielgebend für andere Provinzen zu werten", betonte Glatz. Der General sicherte den Afghanen weitere Hilfe zu. "Afghanistan kann sich weiter auf die Unterstützung des deutschen Volkes verlassen", erklärte er.

Alle Bundeswehrlager in Afghanistan hatten bisher eine Doppelspitze: Einen militärischen Kommandeur sowie einen zivilen Leiter vom Auswärtigen Amt, der nun in Feisabad die Federführung übernehmen wird. Er ist der einzige Vertreter des Auswärtigen Amtes im Lager. Die zivilen Aufbauhelfer, die im Auftrag des Entwicklungshilfeministeriums tätig sind, leben schon lange außerhalb des Camps. Die zivilen Leiter waren im Gegensatz zum militärischen Kommandeur in der Öffentlichkeit bisher kaum wahrgenommen worden. Auch in dieser Hinsicht ist die Übergabe des Lagers Feisabad ein Signal: Verteidigungsminister Thomas de Maiziere hatte zuletzt mehrfach gemahnt, die anderen Ressorts dürften nicht alle Verantwortung auf die Bundeswehr abwälzen, sondern müssten selbst in Afghanistan stärker anpacken.

Die Provinz Badachschan ist schon länger ein Schwerpunkt der deutschen Entwicklungshilfe: Im Auftrag von Entwicklungshilfeministerium und Auswärtigem Amt wurden dort unter anderem Mädchenschulen und Lehrer-Ausbildungsinstitute errichtet sowie das Provinz-Krankenhaus ausgebaut. Sechs neue oder modernisierte Wasserkraftwerke sorgen dafür, dass 63.000 Menschen erstmals Strom haben. Die Wasserversorgung wird mit deutscher Hilfe saniert, was nicht nur sauberes Trinkwasser bringt. In der Landwirtschaft, von der 90 Prozent der Menschen leben, kann eine bessere Bewässerung eine zweite Ernte und damit erheblich größere Versorgungssicherheit bedeuten. Lehrerinnen werden ausgebildet, da auf dem Land ältere Mädchen nur von Frauen unterrichtet werden dürfen.

Die deutschen Helfer unterstützen in dem korruptionsgeplagten Land auch den Aufbau des Rechtsstaates: Sie fördern unter anderem eine Rechtsberatung für Arme und unterstützen Gremien zur Streitschlichtung.

- von Sabine Siebold

 
<p>A German Bundeswehr army soldier from Charlie platoon of the 2nd Paratroop Company 373 passes beside barbed wire during a mission in the city of Iman Sahib, north of Kunduz, northern Afghanistan, December 15, 2010. REUTERS/Fabrizio Bensch</p>