Die Euro-Zone fällt zurück in die Rezession

Donnerstag, 15. November 2012, 16:55 Uhr
 

Brüssel/Berlin (Reuters) - Die Schuldenkrise treibt die Euro-Zone erstmals seit 2009 wieder in die Rezession.

Auch ein leichtes Wachstum der beiden Schwergewichte Deutschland und Frankreich konnte nicht verhindern, dass die Wirtschaft der 17 Mitgliedsstaaten im Sommer erneut schrumpfte. Das Bruttoinlandsprodukt sank zwischen Juli und September um 0,1 Prozent zum Vorquartal, wie das Statistikamt Eurostat am Donnerstag mitteilte. Bereits im Frühjahr war die Wirtschaft um 0,2 Prozent geschrumpft. Bei zwei Minus-Quartalen in Folge sprechen Fachleute von einer Rezession. Während Deutschland und Frankreich als größte Volkswirtschaften des Währungsraums noch zulegen konnten, ging die Talfahrt in Krisenländern wie Spanien, Italien, Portugal und Griechenland weiter.

"RÜCKFALL IN DIE REZESSION IST HAUSGEMACHT"

Wegen der Schuldenkrise und des harten Sparkurses in vielen Ländern sind die Aussichten für die Euro-Zone eher düster. Denn die harte Konsolidierung in vielen Staaten soll das Wachstum zwar mittelfristig ankurbeln. Kurzfristig aber bremsen Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen die Wirtschaft. "Dieser Rückfall in die Rezession ist hausgemacht", sagte Ökonom Paul de Grauwe von der London School of Economics. "Das ist das Ergebnis übertriebener Sparmaßnahmen in den südlichen Ländern und dem Unwillen der nördlichen Ländern, etwas anderes zu tun." Auch andere Experten äußerten sich skeptisch. "Das vierte Quartal sieht deutlich schwächer aus, es wird wohl ein noch stärkeres Schrumpfen der Wirtschaftskraft geben", sagte der Euroraum-Chefvolkswirt der Citigroup, Jürgen Michels. "Für 2013 gehen wir von einer anhaltenden Rezession aus." Etwas optimistischer ist die EU-Kommission, die dem Währungsraum 2013 immerhin ein Mini-Wachstum von 0,1 Prozent voraussagt.

DEUTSCHLAND UND FRANKREICH SORGEN FÜR SCHWUNG - NOCH

Die Wirtschaft in Deutschland und Frankreich wuchs von Juli bis September je um 0,2 Prozent. Für Impulse der hiesigen Wirtschaft sorgten die Exporte und der private Konsum, während die Unternehmen das vierte Quartal in Folge ihre Investitionen kappten. "Das war vorerst die letzte gute Zahl aus Deutschland", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. "Am Jahresende schrumpft die deutschen Wirtschaft vermutlich etwas."

Das Wachstum beim wichtigsten Handelspartner und Nachbarn Frankreich gilt als positive Überraschung, denn Experten hatten der Wirtschaft nur eine Stagnation zugetraut. Kritiker sehen Frankreich wegen mangelnden Reformeifers inzwischen als Sorgenkind der Euro-Zone. Die Regierung in Paris wollte die BIP-Zahlen nicht überbewerten. "Diese Indikatoren sind vielversprechend, aber nicht genug", sagte Ministerpräsident Jean-Marc Ayrault in Berlin vor einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Das Wachstum anzukurbeln und die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, sei eine Priorität seiner Regierung. Zudem müsse die Euro-Zone stabilisiert werden.

In den Krisenländern setzte sich die Talfahrt hingegen fort. In Italien beschleunigte sie sich immerhin nicht weiter. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone schrumpfte um 0,2 Prozent und damit geringer als befürchtet. Dennoch bleibt Italien tief in der Rezession, ebenso wie Spanien, wo es um 0,3 Prozent bergab ging. Auch Nordländer, die lange als Wachstumsgaranten galten, spüren den Abschwung der Euro-Zone immer stärker. So brach die Wirtschaft in den Niederlanden wegen einer Immobilienkrise und schrumpfender Exporte um 1,1 Prozent ein, in Österreich sank das Bruttoinlandsprodukt um 0,1 Prozent.

Die Euro-Zone steht damit deutlich schlechter da als die USA. Die weltgrößte Volkswirtschaft legte um 0,5 Prozent zu, Japans Wirtschaft hingegen schrumpfte deutlich um 0,9 Prozent, das Wachstum in China schwächte sich zuletzt auf hohem Niveau ab. Auch die globale Konjunktur kühlt sich weiter ab, wie das Barometer für das Weltwirtschaftsklima des Ifo-Instituts im vierten Quartal signalisiert. "Die Weltkonjunktur tritt auf der Stelle", sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble betonte, er sei besorgt über die "wirtschaftliche Lage in der ganzen Welt".

 
Window cleaners are seen on a building next to the Euro currency sign of the European Central Bank (ECB) in Frankfurt October 19, 2012. REUTERS/Lisi Niesner (GERMANY - Tags: BUSINESS)