Deutsche Bank hält an Nahrungsmittel-Spekulation fest

Samstag, 19. Januar 2013, 14:43 Uhr
 

Berlin (Reuters) - Die Deutsche Bank will trotz Kritik von Verbraucherschützern auch künftig mit Nahrungsmittel-Spekulationen Geld verdienen.

Untersuchungen hätten keine stichhaltigen Belege für einen Zusammenhang dieser Geschäfte mit dem Hunger in der Welt erbracht, sagte Co-Vorstandschef Jürgen Fitschen am Samstag auf der Lebensmittelmesse "Grüne Woche" in Berlin. Im Gegenteil: Agrar-Derivate erfüllten für Nahrungsmittelproduzenten eine wichtige Funktion im weltweiten Handel. Mit dem Kauf dieser an Börsen gehandelten Papiere können sich Landwirte gegen fallende Preise absichern. "Deshalb hat die Deutsche Bank entschieden, dass sie im Interesse ihrer Kunden weiterhin Finanzinstrumente auf Agrarprodukte anbieten wird", sagte Fitschen. Diese hatte das Institut 2012 ausgesetzt, um die Ergebnisse der Untersuchung abzuwarten.

Die Verbraucherschützer der Organisation Foodwatch reagierten umgehend mit harscher Kritik. "Die Deutsche Bank handelt mit dieser Entscheidung wieder einmal in hohem Maße unverantwortlich", sagte Foodwatch-Gründer Thilo Bode der Nachrichtenagentur Reuters. "Es gibt ausreichend wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Belege dafür, dass die von der Deutschen Bank vertriebenen Finanzprodukte zu spekulativen Preisblasen auf den Terminmärkten für Agrarrohstoffe führen und damit Hungerkatastrophen auslösen können." Die Bank bleibe den Nachweis schuldig, dass ihre Produkte unschädlich seien.

Ob Spekulationen mit Nahrungsmitteln die Preise für die Produkte in armen Ländern nach oben treiben, ist in der Wissenschaft umstritten. Eine Übersicht der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg über die Forschungsarbeiten zu dem Thema kommt zu dem Schluss, dass die Zunahme der Finanzspekulationen nicht zu einem höheren Preisniveau bei Agrarprodukten geführt habe. Auch die Schwankungen der Preise seien hierauf nicht zurückzuführen. Dafür seien eher realwirtschaftliche Faktoren verantwortlich.

MIT NAHRUNGSMITTELN KANN PROFIT GEMACHT WERDEN

Für die Deutsche Bank zählt der Rohstoffhandel zu den Wachstumssegmenten im Kapitalmarktgeschäft. "Hier wird seit einigen Jahren kräftig Gas gegeben", sagt ein Banker. Speziell im Nahrungsmittelgeschäft würden ordentliche Renditen erzielt. Für Kritiker ist das auch der Hauptgrund, warum die Deutsche Bank trotz möglicher Imageschäden an dem umstrittenen Geschäft festhält. "Die Investmentbanker wollen sich diese Wachstumsstory nicht wegnehmen lassen", sagt ein weiterer Insider. Die Bank äußerte sich nicht zum Geschäftsvolumen.

Auch die Allianz ist in dem Geschäft aktiv. Die Commerzbank, die Deka und die LBBW sind dagegen ausgestiegen - bei ihnen spielte das Geschäft keine große Rolle. Die Landwirtschaftliche Rentenbank hat dagegen eine Lanze für derartige Spekulationen gebrochen. Die Vorteile für die Produzenten von Weizen, Kakao oder anderen Agrargütern seien höher zu bewerten als die Verwerfungen an den Märkten durch den Handel mit Derivaten auf diese Produkte, erklärte Horst Reinhardt, Vorstand der zweitgrößten deutschen Förderbank vergangenes Jahr.

Die Allianz hatte bereits Anfang des Jahres erklärt, dass sie sich wegen Termingeschäften mit Lebensmitteln zu Unrecht am Pranger sieht. Solche Spekulationen seien nicht die Ursache für Hunger und Armut, erklärte die Versicherung unter Berufung auf Studien. "Die Wissenschaftler führen die starken Preissteigerungen der letzten Jahre stattdessen auf ein Zusammenwirken verschiedener realwirtschaftlicher Faktoren zurück. Hierzu zählen die steigende Nachfrage nach Lebensmitteln in Schwellenländern, das Abschmelzen der Lagerbestände, die Subventionierung von Bio-Energie sowie staatliche Eingriffe, etwa Exportverbote", erklärte der Versicherer. "Als Finanzinvestoren greifen wir selber nicht in den realen Handel mit Lebensmitteln ein. Wir entziehen dem Markt keine Rohstoffe."

- von Philipp Halstrick

 
A Deutsche Bank logo is pictured in front of the Deutsche Bank headquarters in Frankfurt February 24, 2011. After a three-year renovation period the two Deutsche Bank towers are re-opened. REUTERS/Ralph Orlowski (GERMANY - Tags: BUSINESS)